Beten und Saufen

“Hi Gunnar,
ich habe den perfekten Einsatz für dich am Samstag.. wenn du kannst.
Bitte zu dem Kunden Partyservice Lemke, um 16:00 Uhr, Johanniskirche, An der Johanniskirche, Hintereingang der Kirche, AP Frau.. usw.”

Mit dieser E-Mail begann mein wohl kuriosester Einsatz der letzten Zeit. Grad noch am Betten zusammenschrauben für neu erwartete Flüchtlinge in der Alsterdorfer Feuerbergstraße, die ab Mitte dieses Jahres eigentlich wieder für ihre ursprüngliche Aufgabe genutzt werden sollte.. (Die sich überstürzenden Ereignisse haben wohl eine Planänderung bewirkt.)
Wir, mein Kollege Adamo und ich, hatten allerdings andere Probleme: für morgen früh in der Johaniskirche brauchten wir noch ein weißes Hemd so auf die Schnelle. Raus aus dem Heim in die S-Bahn und fünf Minuten vor Ladenschluss noch schnell bei H&M reingehuscht. Geschafft.

Komme etwas früher an den Hintereingang und da sind einige Kollegen bereits beim Entladen einiger Lieferwagen. Antipasti, Fingerfood, Prosecco, Kühlschränke und so weiter.. Noch ahnungslos aber mit erwachender Neugierde helfe ich mit.
Stutzig machte mich auch ein Veranstaltungsplakat-Plakat “Liebe, Likör & Ladies-Chor” oder so ähnlich.. Nicht etwa “Gemeinsames Adventsingen der Gemeinde” oder was man sonst so in Kirchen macht. Seit meiner Konfirmation vor 50 Jahren war ich allerdings auch in keinem Gotteshaus mehr.

Wie sehr selbst der spirituelle Andachtsort der Christengemeinde dem Wandel der Zeit unterliegt, wurde mir dann im Verlauf der nächsten Stunden schnell klar:

Kirchliche Trauung, beinahe klassisch, bis auf den Gitarrenspieler der auch noch ein Lied der Beatles im Repertoire hatte. Hochzeitsmarsch, Predigt, Ja-Wort alles ganz normal. Anschließend Blumenstreuen (wie schon zu Zeiten meiner Mutter) und danach Empfang mit Prosecco und Canapeés vor dem Haupteingang (dieser Teil fehlt auf den alten Bildern meiner Mama). Gruppenfotos und Abfahrt der Gäste im roten Stadtrundfahrtbus durch Hamburg.
Jetzt gemeinsames Anpacken, das Kircheninnere soll verändert werden: die Bänke werden umgestellt zu einer Tafelrunde im Stil von King Arthur und seinen Rittern. Mit Kerzenleuchtern (Made in Taiwan), Tische dazu, Bestecke, Teller, Gläser und Schnapsglas dabei, neunzig Gäste sind geladen.
18.00 Uhr, die ersten Gäste erscheinen, noch zögernd, suchen sich ihren zugewiesenen Platz. Kinder toben und tanzen um den Altar. Disco Musik im Hintergrund.
Tosender Beifall, das Brautpaar erscheint. Die Stimmung jetzt schon recht gemütlich, die Open Bar sicherlich nicht ganz unschuldig daran. Rede zweisprachig, die Braut ist Indischer Herkunft, Sturm auf das Buffet. Die Gäste machen jetzt auch ausgiebig Gebrauch der Schnapsgläser die vor ihnen auf dem Tisch stehen, Bier und Wein fließt in munterem Strom, so soll eine Hochzeit sein!!

Saufen und Beten

Den Umzug von der Kirche in ein Restaurant kann man sich so sparen alles klar? Geht doch!!
Meine Ablösung ist um 20.30 Uhr, so entgeht mir leider oder doch besser? – das feucht-fröhliche Ende dieser Veranstaltung.
Erst heute, einen Tag später sehe ich im Internet die Website der KulturKirche Altona gGmbH. Ach soo !!

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